Alles Taber oder was?

Je höher die Taber-Zahl, desto besser das Laminat? Eine neue Europa-Norm macht Schluss mit dieser Augenwischerei.

Seit fünf, sechs Jahren boomt der Laminatmarkt. Der strapazierfähige Bodenbelag wird vor allem als Parkett-Ersatz immer beliebter. Gleichzeitig fielen die Preise. Kostete vor fünf Jahren ein günstiges Laminat etwa 30 Mark/m², bekommt man es heute zum Schnäppchenpreis von 10 Mark/m² und das in vermeintlich besserer Qualität.

Denn in dem Maße, wie die Preise in den Keller fielen, stiegen die Taber-Zahlen, die die Abriebfestigkeit der Oberfläche beschreiben, in astronomische Höhen. So gibt es Angebote mit 20000 Umdrehungen für 9,95 Mark/m² neben einem Laminat für 35,95 Mark/m² mit nur 7000 Taber-Umdrehungen. Wie passt das zusammen?

Die Umdrehungszahlen ermittelt man mit dem Taber-Abraser-Test . Der Ablauf dieser Prüfung war zwar durch eine europäische Norm (EN 438) geregelt. Bei der Interpretation der Testergebnisse hatten die Hersteller aber völlig freie Hand. Die angegebenen Abriebwerte bezogen sich mal auf den "Initial-Point", mal auf den "Final-Point". Oder es wurde der Mittelwert aus beidem gebildet, was dann den so genannten AT-Wert, den mittleren Abriebwert, ergab. Klar, dass für den Käufer eine Vergleichbarkeit von Angeboten auf dieser Grundlage unmöglich war.

Mit der Verabschiedung der europäischen Norm für Laminatböden (EN 13329) im April dieses Jahres hat dieses Verwirrspiel nun ein Ende. Das neue Regelwerk - es liegt bereits seit zwei Jahren als so genannte Pre-Norm vor und wird von einigen Herstellern auch bereits eingehalten - macht dem Verbraucher eine qualitätsorientierte Kaufentscheidung leichter. Die EN 13329 legt einheitliche Kriterien fest. Diese ordnen einen Boden in bestimmte Beanspruchungsklassen ein. Die gute Abriebfestigkeit ist dabei nur eine Anforderung unter vielen. Mindestens ebenso wichtige Kriterien sind: Lichtechtheit, Stuhlrollenneigung, Stoß-, Druck- und Kratzfestigkeit sowie die Eignung für Fußbodenheizung und das Quellverhalten des Holzwerkstoffs. Entscheidend für die Belastbarkeit eines Laminats sind auch das Material der Trägerschicht und der Elementaufbau. Laminat mit einer sehr druckfesten HDF-Trägerplatte (hochverdichtete Faserplatte) ist strapazierfähiger als ein vergleichbar mit MDF- oder gar Spanplatte hergestellter Boden. Und ein HPL-Boden hält stärkeren Belastungen stand als direkt beschichtetes DPL-Laminat.

Die neue Norm für Laminat bewertet die Einzelfaktoren und nimmt auf dieser Grundlage die Einstufung in eine der Beanspruchungsklassen vor. Schwindel erregend hohe Abriebzahlen werden Sie also in Zukunft nicht mehr als Verkaufsargument finden. Und wenn doch, dann ist Vorsicht geboten. Nach der Euronorm liegt die größtmögliche Abrieb-Umdrehungszahl für die höchste Beanspruchungsklasse 23 im Wohnbereich bei relativ niedrigen 6500 Umdrehungen. Das hängt damit zusammen, dass nur noch die IP-Umdrehungszahl maßgeblich ist und der Taber-Test verschärft wurde.

Allerdings schützt die Norm nicht hundertprozentig vor schwarzen Schafen. Der Hersteller nimmt die Einstufung in die Beanspruchungsklasse nämlich selbst vor. Ob dies auf Grundlage eigener Tests oder in Zusammenarbeit mit Prüfinstituten geschieht, bleibt für den Käufer häufig im Dunklen. Anders sieht es aus, wenn das Produkt das RAL-Gütezeichen für Laminatboden vorweisen kann. Das bescheinigt die kontinuierliche Überwachung der Produktqualität durch externe, unabhängige Prüfinstitute.

Kein Gütesiegel, aber ein Indiz für Qualität ist auch die Zugehörigkeit des Herstellers zum EPLF, dem Verband der europäischen Laminatbodenhersteller. Der EPLF hat die Erarbeitung der einheitlichen Euronorm maßgeblich voran- getrieben, weil er sich selbst auch als Qualitätshüter sieht. Da liegt das Interesse natürlich auf der Hand, schwarze Schafe der Branche zu entlarven.

Auf einigen Produkten werden Sie auch den Blauen Engel finden. Er bezieht sich in diesem Fall auf die deutliche Unterschreitung der gesetzlich zulässigen Formaldehyd-Emissionsklasse E1. Ob ein guter Laminatboden langfristig hält, was diverse Siegel und Gütezeichen versprechen, hängt aber auch von Ihnen ab. Die meisten Reklamationen sind auf Verlegefehler und falsche Pflege zurückzuführen. Achten Sie besonders darauf, dass Sie die in der Verlegeanleitung angegebene Breite der Dehnungsfuge an jeder Stelle einhalten. Und wischen sollten Sie Ihren Boden stets nur nebelfeucht. Wasser ist der ärgste Feind des Laminats - es sei denn, Sie wählen einen Laminatboden, der ausdrücklich als nassraumtauglich ausgewiesen ist.

Umfangreiche Testverfahren entscheiden über die Qualität

Neben den Tests zur Stuhlrollen-Eignung, der Fleckunempfindlichkeit, der Lichtechtheit und der Stoßfestigkeit (Kugeltest) ist der Taber-Test zur Ermittlung der Abriebfestigkeit eine der bekanntesten Prüfungen, denen sich Laminat unterziehen muss: Dabei rotiert ein Probeteil des Laminatbodens unter zwei mit Schmirgelpapier versehenen Abriebrädern. Drehgeschwindigkeit, Typ und Wechsel des Schleifpapiers sind genau vorgeschrieben. Beim ersten sichtbaren Verschleiß ist der "Initial Point" (IP-Wert) erreicht. Man gibt ihn in der Anzahl der bis dahin erfolgten Umdrehungen an. Sind 95 Prozent der Nutz- und Dekorschicht durchgeschliffen, hat man den FP-Wert, den "Final Point", erreicht.

Laminatklassen

Laminatklassen

Direkt verpresstes Laminat (DPL - Direct Pressure Laminate) wird hergestellt, indem man das Dekorpapier und den unteren Gegenzug in einem Arbeitsgang mit der Trägerplatte verpresst. DPL-Laminat ist nicht so stark belastbar wie das unten gezeigte High Pressure Laminate.


Laminatklassen

Die höhere Belastbarkeit des HPL-Laminats resultiert daraus, dass man bei der Herstellung zunächst das Dekorpapier und die Kunstharz-Versiegelung (Overlay) mit speziellen Kraftpapieren verpresst. Erst im zweiten Schritt leimt man diesen Hochdruck-Schicht-Pressstoff auf die Trägerplatte.